02.03.2011
Hallo ihr Lieben,
es ist 17:15 Uhr, ich sitze mal wieder in der Messe und doch ist heute vieles ganz anders, als beim letzten Mal als ich von hier berichtet habe.
1.der Zeitunterschied zu euch zu Hause beträgt nun eine Stunde weniger, d.h. nur noch 5 Std
2.es ist keinerlei Bewegung im Schiff
3.und das ist der mit Abstand größte Unterschied: wir tragen alle lange Klamotten und teilweise nicht nur eine Schicht!!!
Jetzt fragt ihr euch: Hä? Na ganz einfach, wir liegen seit heute Mittag in St. George, Bermudas, an der Pier.
Zurzeit haben wir eine Lufttemperatur von circa 16° Grad! Unglaublich, wie sehr ich friere!
Gigantisch ist allerdings, dass mir meine Jeans noch passt. Die hatte ich seit Falmouth, England, nicht mehr in der Hand, geschweige denn an! Ok, da war mal mehr Platz, aber sie geht zu. Da wir an Bord ja keine Wagen haben (sie würden bei dem Geschaukel eh nicht lange richtig anzeigen) ist das (das Passen der Hosen) das einzige Merkmal, an dem man erkennen kann, ob man zugenommen hat oder nicht. Und da im Normalfall Mädchen/ Frauen an Bord im Durchschnitt 7 Kilo zunehmen ist das schon schön, wenn einem die einzige etwas dickere Hose, die man dabei hat, noch passt!
So, aber jetzt genug von Hosen!
Also von Panama aus ging es ja nach Kuba. Wie geplant kamen wir am 31.01. dort an, gingen vor Maria la Gorda vor Anker, hatten dann für mehrere Stunden die Behörden inkl Drogenhunde etc an Bord, mussten alle zur Ausweiskontrolle und durften dann irgendwann an Land bzw ins Wasser. Um uns herum war das Meer schon wieder mal sowas von unverschämt klar und türkisblau, dass ich es kaum fassen konnte: man hat die einzelnen Fische und ihre Bewegung noch in 7 m Wassertiefe ohne Probleme von Bord aus erkennen können! Jedoch war das Wasser schon ein wenig kühler als in der Karibik! Nach 1 ½ Tagen Schiffsarbeiten und Packen gingen wir (die Schüler und Lehrer) von Bord, um 21 Tage auf Kuba zu verbringen. Nachdem mein Rucksack in Panama schon ohne Souvenirs unheimlich schwer gewesen war, habe ich diesmal gleich mal viel weniger eingepackt.
Desiree und ich blieben dann eine Nacht in Maria la Gorda, es war die teuerste Übernachtung meiner ganzen Reise, aber ein Bungalow mit Meeresblick kostet eben! Ich war dann noch einmal tauchen, es war einfach unglaublich wie viel wir gesehen haben und welche Farbenpracht und Fischvielfalt uns da unter Wasser erwartet hat!
Am nächsten Tag durften wir dann das erste Mal erleben, dass wir wirklich auf Kuba gelandet waren: der einzige Kleinbus, der an diesem Tag von unserem Hotel mitten im Nichts Richtung Vinales (wo wir hin wollten) ging, war voll, aber der Fahrer machte uns Aussichten, dass wir vielleicht hinten beim Gepäck im Kofferraum mit rein könnten, wenn wir das aber für uns behielten. Noch am Tag vorher wurde uns erklärt, dass eigentlich jeden Tag ein Bus fahren würde, in den man ohne Probleme einen Platz bekommen könnte. So gammelten wir den ganzen Tag am Strand herum, checkten vorsichtshalber mal aus dem Hotel aus und bekamen dann auf ominöse Weise doch noch 2 ganz normale Plätze im Bus.
Die Fahrt nach Vinales war sehr interessant: immer wieder überholten wir Pferdefuhrwerke oder LKWs, auf deren „Ladefläche“ Kubaner gedrängt standen.
In Vinales versuchten wir dann im Dunkeln eine Unterkunft zu bekommen. In Kuba gibt es sogenannte „Casa particulares“: Privathäuser, die im Höchstfall (vom Staat so festgelegt) 2 Zimmer vermieten dürfen. Irgendwie schaften wir es mit praktisch keinen Spanischkenntnissen ein Zimmer mit Frühstück für die nächsten 3 Nächte zu bekommen. Die Familie, der die Casa gehörte war sehr nett und half uns gleich für den nächsten Tag einen Ausflug zu organisieren.
Am nächsten Morgen wurden wir bereits um 5 Uhr von den Hähnen der umliegenden Häuser geweckt. Praktisch alle Häuser in der Nachbarschaft besaßen Hühner: ganz toll!
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem Bummel entlang der Hauptstraße des Dorfes ging es dann auf einen Reitausflug in das Tal. Vinales ist das Tabakanbaugebiet in Kuba schlecht hin. Zudem ist das Tal eigentlich sehr eben, doch befinden sich einzelne Felsblöcke bzw Hügel im Tal, die aussehen, wie künstlich dort hin gesetzt. Wir ritten also durch diese bizarre Landschaft, zwischen Bergenformationen und Tabakfeldern hindurch und genossen das tolle Wetter. Unterwegs besuchten wir einen Tabakbauern, schauten uns an wie man Zigarren dreht und raucht und machten einen Abstecher in eine Tropfsteinhöhle, an deren Ende ein See war. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen in den Höhlensee zu springen und durch ihn in eine weitere dahinter gelegene Höhle zu waten. Ziemlich abgekühlt und pitschnass, aber mit tollen Eindrücken für die Erinnerungsschatztruhe ritten wir zurück. An den nächsten Tagen spazierten wir durch die Gegend, zu einem Aussichtspunkt und fuhren dann mit einem weiteren Reisebus, den wir diesmal in weiser Voraussicht bereits 2 Tage vorher gebucht hatten, nach Havanna.
Was für eine atemberaubend schöne Stadt! Havanna besteht nur aus alten Häusern, die mehr oder weniger renoviert oder kurz vorm Zusammenstürzen sind. Jeder Straße für sich ist schon ein Highlight. Wir haben mitten in der Altstadt in einem alten Jugendstilhaus (wieder ein Casa particulares) gewohnt und hatten auch eine Dachterrasse, von der aus man über einen großen Teil der Altstadt blicken konnte. Von dort aus sind wir jeden Tag losgezogen und haben uns Havanna und deren Märkte etc angeschaut, sind durch die Straßen gebummelt oder sind einfach zum Malecon, der weltberühmten Uferpromonade, heruntergelaufen, haben uns auf die Brüstung gelegt den Menschen und den alten Chevrolets zu geschaut oder haben nur aufs Meer geguckt und was total Geniales gemacht: gar nix. Nach viel leckerem Essen und noch mehr nervigen Kubanern, die uns immer und überall hinter gerufen haben, waren diese relaxten Tage auch schon wieder vorbei und ich durfte mit 6 Schülern für 5 Tage nach Santiago de Cuba, ganz im Südosten des Landes, fahren. Also saßen wir halt 2 x je 16 Stunden im Bus und sind durchs ganze Land gefahren. Dort angekommen war meine Aufgabe einfach nur auf die Schüler aufzupassen und ihren tollen Exkursionsplan mit zu verfolgen. Vor Beginn der Kleingruppenexkursion musste jede Gruppe einen Plan vorstellen und den verfolgten wir nun also. Wir schauten uns Museen an, gingen ins Casa de la Trova und „chillten“ in den Straßen von Santiago oder auf unserer Dachterrasse in der Hollywoodschaukel. Einmal sind wir abends richtig schön tanzen gewesen. Auch ansonsten haben die 5 Tage mit „meinen Kindern“ echt richtig viel Spaß gemacht.
Danach waren Desiree und ich nochmal 3 ½ Tage in Havanna. Wir hatten einfach keine Lust mehr zu reisen und uns darum zu kümmern irgendetwas auf die Beine zu stellen. Nach 3 Wochen reisen durch Panama und 3 Wochen reisen durch Kuba hatten wir einfach langsam genug. Ich denke echt ich bin langsam zu überladen mit Eindrücken und kann bald nicht mehr so ganz verarbeiten, was ich alles sehe und erlebe.
Das meine ich jetzt nicht negativ. Es ist nur echt so, dass man gar nicht mehr weiß, wie man das alles in seinem Kopf ordnen soll und was man in welche Schubladen ablegen könnte. Vieles werdet ihr euch noch in Jahren anhören dürfen. Ich könnte an dieser Stelle auch unendlich viel über das System und die Gesellschaft in Kuba schreiben. Kurz: Kuba ist eine komplett andere Welt, als die in der wir leben! Schon sehr krass! Aber das erzähl ich euch dann alles in ein paar Wochen.
Wie schon vorhin erwähnt liegen wir jetzt in Bermudas. Hinter uns liegt die 2. Schiffsübergabe, dass heißt wir haben für 5 Tage das Schiff komplett in Schülerhand übergeben, noch dazu die Navigationsgeräte komplett abgeschaltet. D.h. es wurde 5 Tage lang nur mit Hilfe eines Sextanten, der Sonne und der Sterne unsere Position bestimmt und somit unser Kurs etc berechnet. Gestern um 16:00 Uhr wurde dann verglichen: die Schüler lagen mit ihren Berechnungen nur 5 Seemeilen neben der wahren Position. Wie ich finde, eine sehr gute Leistung. Nachdem wir uns alle darüber sehr gefreut haben hat es uns dann nach tagelanger Flaute knübbeldick erwischt! Es kam Wind und Regen auf. Wir sind nur so dahin geschossen, die Thor lag ziemlich gut und ruhig auf den brausenden Wogen und flog leider viel zu schnell Richtung Bermudas. Wir mussten Segel bergen, da die Hafeneinfahrt von St. George so knapp ist, dass wir das bei dem Wind (Stärke zw 7 und 8) bei Nacht nur schwer hätten stemmen können. Die Folge von Segelbergen bedeutete auch, dass es wieder viel mehr schaukelte. (Mir macht das ja eigentlich gar nix mehr aus, nur meine Fächer in der Kammer erwachen dann immer zum Leben und meinen sie müssten sich in der ganzen Kammer verteilen. Nein aufräumen bei Windstärke 8 macht nicht ganz so viel Spaß!) Doch dann kam alles anders: das Tief, das nördlich von uns lag, ist nach Süden gewandert, also zu uns. Das hatte zur Folge, dass wir in meiner Wache gegen 22:00 Uhr bei strömenden Regen eine Halse fahren mussten (also ganz grob: das Schiff „drehen“ mussten, damit wir wieder mit dem Wind segeln, aber immer noch in die richtige Richtung fahren). Zum ersten Mal auf der Reise stand ich bei einem Segelmanöver nicht an irgendwelchen Tampen um Segel zu bewegen, sondern am Ruder. Das war ganz schön aufregend! Detlef, unser Kapitän, stand neben mir und hat mir immer die „Befehle“ wie ich Ruder legen soll gegen den Wind zugeschrien und ich habe mich bemüht das Ganze möglichst genau umzusetzen. Leider drehte der Wind danach noch weiter und kam am Ende meiner Wache schon fast von Vorne. In der restlichen Nacht wurden dann alle Segel geborgen und leider der Motor wieder angeschmissen. Das Schiff schaukelte ohne Ende, Schlafen war eine Herausforderung. Auch noch am Morgen als ich wieder auf Wache kam hatte sich das Wetter noch nicht wirklich gebessert. So motorten wir gegen mindestens 8 Windstärken an, was zur Folge hatte, dass wir teilweise trotz voller Maschinenleistung 1 ½ Knoten rückwärtsfuhren … entlang an Bermudas. Doch irgendwann haben wir es dann doch geschafft, waren fast einmal um die Insel herum und konnten in das Hafenbecken einfahren und anlegen. Bermudas wirkt sehr nett und sieht genau so aus, wie man sich eine ehemalige englische Kolonie vorstellt. Mehr kann ich noch nicht sagen, wird sich zeigen.
Ansonsten gibt es nicht viel Neues von hier. Auf der einen Seite ist es unglaublich, dass bereits 4 Monate der Reise vorbei sein sollen, mir kommt es manchmal vor wie ein Wimpernschlag. Auf der anderen Seite freu ich mich schon wahnsinnig auf euch alle daheim und all das zu sehen und zu hören, was bei euch so passiert ist. Doch trotz alle dem macht das Segeln so ungemein viel Spaß, dass ich eigentlich nicht will, dass das enden wird. Jeden Tag schon beim Frühstück das Meer und den Horizont zu sehen ist einfach gigantisch und unglaublich schön!
So jetzt werde ich mich mal wieder in meine Unterrichtsvorbereitung für die nächsten Tage bzw Wochen stürzen.
Macht es alle gut daheim und esst bitte immer schön brav auf, damit es daheim schon ein bisschen wärmer ist, wenn ich wieder komme.
Drück euch alle tausendundeinmal
Kerstin