Hallo Ihr Lieben,
ich bin euch noch den Bericht über die letzten (ich glaube) 500 Seemeilen und 800km Autofahrt schuldig:
Also der Reihe nach: aus England liefen wir unter Schülerführung und mit gesetzten Segeln bei ca 5 Windstärken aus. War schon seltsam zu wissen, dass der nächste Grund, den man betreten wird, zu Deutschland gehören wird. Die Stimmung an Bord war dementsprechend gedrückt, aber auch freudig erregt, dass man nun bald sehen wird, wie sich „daheim“ anfühlen wird. Ein Schüler meinte übrigens ca zu dieser Zeit: „Eigentlich ziehen wir nur von einem Zuhause in das andere Zuhause.“ Ich denke da hat er recht mit!
Nach nicht mal einem Tag schlief der Wind dann komplett ein und wir mussten den ganzen Rest der Strecke motoren. Wir Lehrer waren nach wie vor noch mit Zeugnissen und Gutachten schreiben sehr beschäftigt und so konnte ich nur hin und wieder mal die Nase raus in die Kälte stecken. Meist sah man dabei so gut wie gar nichts, was echt ein Problem war. Es war sowohl im Englischen Kanal, als auch auf der Nordsee so nebelig, dass wir kaum vom Achterdeck aus unseren Bug erkennen konnten. Was auch bedeutet hat, dass man andere Schiffe erst dann sehen konnte, wenn man schon fast mit ihnen kollidiert ist. Deswegen musste immer einer am Radar stehen und alle anderen waren „Ausguck“, wobei man besser „Aushör“ sagen sollte. Wenn wir auf dem Radar sahen, dass sich uns ein Schiff näherte gaben wir mit unserem Typhon (Nebelhorn) alle 2 Minuten für 30 Sekunden ein Signal (ja auch nachts!!!) und warteten auf Antwort. Sehr unheimlich, wenn man weiß, dass da nicht mal 300 m entfernt ein riesiger Tanker sein müsste und man sieht absolut nix! Dazu muss man noch 2 Dinge wissen: 1. Viele große Schiffe fahren vor allem nachts mit Autopiloten, d.h. unser typhonieren bekommt da evtl gar niemand mit, weil keiner am Ruder/ auf der Brücke ist! Und 2. Die Seegebiete Englischer Kanal und Nordsee zählen zu den meist befahrensden und anspruchsvollsten Seewegen weltweit!
Die Nordsee lag fast tot um uns herum, die Suppe lichtete sich nur ganz selten mal ein bisschen und nicht selten mussten wir im letzten Moment Ausweichmanöver fahren, um eine Kollision zu verhindern! So gestaltete sich dann auch unsere Ankunft auf Helgoland, wo wir einen Zwischenstopp einlegten, um nicht „zu früh“ heim zu kommen. Die halbe Mannschaft stand irgendwo an Bord und war Ausguck. Ich stand Backbord Achtern mit einer Schülerin, Blick nach Vorne raus. Detlef kam und meinte: „Jetzt müsste man dann bald die Mole von Helgoland sehen, bitte sehr konzentriert schauen und sofort melden!“
Minuten vergingen, nichts geschah, wir sahen schon Sternchen vom angestrengten Gucken: da ein dunkleres Grau unter Grau! „Detlef, ich glaub ich seh die Mole!“ und tatsächlich kaum 200m vor uns erhob sich mitten in der Nordsee eine Mauer. Dahinter: Nebel! Von Helgoland keine Spur! Aber kein Problem, Detlef kann auch ohne etwas zu Sehen die Thor heil an die Pier bringen! Mal wieder waren wir alle sehr erleichtert, dass nochmal alles gut gegangen ist.
Die fast 2 Tage auf Helgoland waren schön, auch wenn ich über die Hälfte davon mit meinem Laptop in meiner Koje verbracht hab.
Am Mittwoch folgte dann die Fahrt von Helgoland quer über die Nordsee, rein in die Elbe und bei Brunsbüttel durch die Schleuse in den Nord-Ostsee-Kanal. Davon hab ich aber nur wenig mitbekommen, weil wir Lehrer hatten die Schüler zu einem Kochduell heraus gefordert und an diesem Tag waren wir 4 dran die Besatzung nach allen Regeln der Kunst und dem bisschen, was unsere Last noch hergab, zu verwöhnen. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht mit Desiree, Daniel und Steve von morgens 6:00 Uhr bis abends 23:00 Uhr durch die Kombüse zu rocken. Ein wenig stolz darf ich verkünden, dass wir Lehrer ganz knapp gewonnen haben, aber das nur am Rande.
Donnerstag standen dann für alle an Bord – außer uns Lehrer – Schiffsarbeiten an, wir haben halt wieder an unseren Rechnern gesessen.
Freitag gings dann durch den NOK, schon komisch plötzlich wieder so viel Land zu sehen und Menschen und Autos,… Meine Eltern standen mit einem riesigen Banner an der Schleuse bei Kiel und begrüßten die Thor und mich, was sehr schön war. Freitagabend ankerten wir dann in der Kieler Bucht und genossen unseren letzten Abend und das Captain´s Diner (nein, das heißt NICHT, dass der Kapitän kocht, sondern alle anderen!) 6 Gänge und zahlreiche lustige, aber auch sehr traurige kulturelle Beiträge später schlüpfte ich ein letztes Mal todmüde in meine Koje, auch wenn ich irgendwie doch gerne lieber den Anker gehievt hätte und zurück Richtung Karibik gesegelt wäre.
Am Samstagmorgen wurde dann alles für die Ankunft vorbereitet und wir fuhren die letzten 2 Seemeilen zu unserer Anlegestelle an der Schwentine in Kiel. Dort bereiteten uns alle Familien und Freunde ein sehr schönes „Ankommen“, das erst nach vielen Stunden unter noch mehr Tränen zu Ende ging….
Und jetzt? Jetzt ist es vorbei, das Abenteuer meines Lebens…Wirklich? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass ich jetzt wieder in einem großen Bett liege, ein ganzes Zimmer für mich alleine hab, von morgens bis abends draußen die Vögel höre, die vielen Grüntöne sehe…
Der letzte Zeitungsbericht meiner Projektgruppe Öffentlichkeitsarbeit endet wie folgt und ich finde, man kann es kaum treffender sagen:
„Nach 190 Tagen auf See und in fremden Ländern werden wir das erste Mal wieder zum Bäcker gehen und Brezeln kaufen können, ein eigenes Zimmer haben, nicht mitten in der Nacht zur Nachtwache aufstehen müssen. Wie wird das dann? Wir wissen es nicht, aber eine Sache ist sicher.
Wir werden viel zu erzählen haben, über all die Dinge, die wir gesehen, erlebt haben. Zuhause auf dem Sofa können wir vom Sturm erzählen, und wie wir ihn besiegt haben. Diese Reise hat uns zu anderen Menschen gemacht, erwachsener, reifer. Wir haben viel gelernt, nicht nur im nautischen Bereich und in der Schule, sondern, abseits unserer asphaltierten Welt zu Hause, das Leben kennen gelernt. Wenn wir zurückdenken auf die vergangene Zeit müssen wir lächeln, weil alles so nah und doch so fern scheint und wir bald nur noch vom Abenteuer träumen können- dem Klassenzimmer unter Segeln.“
…
Da bleibt nicht mehr viel zu sagen. Nur eins vielleicht noch: ich freue mich euch alle wieder zu sehen. Und wer Lust, Zeit und ein Sofa hat, dem werde ich gerne erzählen!
Bis dann
Eure Piratenseeelchkuh Kerstin
Donnerstag, 28. April 2011
Dienstag, 26. April 2011
Ich bin wieder da oder hier???
Hallo Ihr Lieben,
ja gestern (Montag) abends um 22 Uhr war es soweit: ich bin wieder nach über 6 Monaten in Schwanstetten die Sperbersloher Str. hinter gefahren und jetzt, jetzt bin ich wieder da...naja mehr oder weniger!
Auspacken und Ankommen wird noch ein bisschen dauern. Heute Nacht bin ich aufgewacht und dachte ich hätte den Wachbeginn verschlafen, hab ich aber nicht! Kein allnächtliches Aufstehen mehr, auch muss ich hier nie die Temperatur des Kühl- und Gefrierschranks überprüfen, kann Sachen ohne Rutschdeckchen auf den Tisch stelllen...
Aber von solchen Dingen abgesehen geht es mir echt gut, bin nicht landkrank oder so!
Vom Anlegen in Kiel berichte ich mal in den nächsten Tagen und auch Bilder bekommt ihr dann nochmal, aber erst einmal muss ich auspacken und ähnliches.
Bis dann
Kerstin
P.S.: Ich habe heute zum ersten Mal seit 6 Monaten gerade eben in Ruhe meinen e-Mail-Posteingang durchschauen können und dabei festgestellt, dass es mir anscheinend nie alle Mails angezeigt hat. Sehr seltsam, aber kann man nix machen. Auf jeden Fall danke ich allen, die mir Gebnurtstags-Mail geschrieben haben recht herzlich ich habe sie soeben alle gelesen und mich tierisch gefreut.
DANKE!!!!
ja gestern (Montag) abends um 22 Uhr war es soweit: ich bin wieder nach über 6 Monaten in Schwanstetten die Sperbersloher Str. hinter gefahren und jetzt, jetzt bin ich wieder da...naja mehr oder weniger!
Auspacken und Ankommen wird noch ein bisschen dauern. Heute Nacht bin ich aufgewacht und dachte ich hätte den Wachbeginn verschlafen, hab ich aber nicht! Kein allnächtliches Aufstehen mehr, auch muss ich hier nie die Temperatur des Kühl- und Gefrierschranks überprüfen, kann Sachen ohne Rutschdeckchen auf den Tisch stelllen...
Aber von solchen Dingen abgesehen geht es mir echt gut, bin nicht landkrank oder so!
Vom Anlegen in Kiel berichte ich mal in den nächsten Tagen und auch Bilder bekommt ihr dann nochmal, aber erst einmal muss ich auspacken und ähnliches.
Bis dann
Kerstin
P.S.: Ich habe heute zum ersten Mal seit 6 Monaten gerade eben in Ruhe meinen e-Mail-Posteingang durchschauen können und dabei festgestellt, dass es mir anscheinend nie alle Mails angezeigt hat. Sehr seltsam, aber kann man nix machen. Auf jeden Fall danke ich allen, die mir Gebnurtstags-Mail geschrieben haben recht herzlich ich habe sie soeben alle gelesen und mich tierisch gefreut.
DANKE!!!!
Dienstag, 12. April 2011
Und so schließt sich langsam der Kreis!
Moin Ihr Lieben,
ganz liebe Grüße aus England, genauer aus Falmouth.
Falmouth? Das könnte euch bekannt vorkommen. Nicht weil es hier irgendetwas „Besonderes“ gibt oder so (zumindest nichts, was man kennen müsste), nein vielleicht eher, weil mein erster Bericht ebenfalls von hier stammte!
Ja wir sind praktisch seit gestern Mittag zum ersten Mal „wieder zurück“! Seltsam durch die Straßen einer Kleinstadt/ eines Dorfes zu gehen und genau zu wissen, wo der Geldautomat, der Supermarkt und ganz wichtig, die beste Kneipe der Stadt zu finden sind…nicht zu vergessen: die „Shoppingmeile“!
Aber irgendwie ist es auch schön, bekannten Boden unter den Füßen zu haben! Aber was im Moment das dominierende Gefühl ist: es geht jetzt wirklich zu Ende! Man kann seit gestern mehr denn je spüren, dass Kiel nur noch einen Wimpernschlag entfernt ist! Und das fühlt sich ganz ehrlich sehr komisch an. Das katapultiert einen mittenrein in ein riesiges Gefühlschaos, aus dem man nicht mehr so leicht raus kommt. Es hat schon begonnen, dass ich mir in Situationen denke: „Das war es jetzt wahrscheinlich/ vielleicht zum letzten Mal!“ Zum Beispiel die kleinen Schweins- und Grindwale, die wir am Donnerstag gesehen haben, waren vielleicht die letzten Meeressäuger unserer Reise. Und wir hatten, wenn man so zurück blickt, wirklich häufig Delfine um den Bug, oder in der Nähe des Schiffes, auch Wale wurden hin und wieder gesichtet.
Beim Duschen stellt man fest: hei, das Duschgel reicht wohl doch bis Ende der Reise! Beim Aufräumen ist man nicht mehr so gründlich, man zieht ja eh bald aus! Es ist irgendwie auch egal, was es zum Essen gibt, bald kocht man sich eh wieder, auf was man selber Lust hat und nicht, was gerade schon fast am vergammeln ist in der Kühllast. Man wird auch nicht mehr so häufig für 50 Personen kochen müssen/ dürfen. Doch es ist viel mehr als das: es sind die letzten Tage mit den Menschen, die mit mir in den letzten 5 ½ Monaten zu jeder ungemütlichen Zeit aufgestanden und zur Wache gegangen sind, mit denen ich abends Karten gespielt oder einfach nur gequatscht hat. Die letzten Male, die ich mit meinen Schülern abends zu 10 in ein minikleines Bad gequetscht stehe und Zahnputzparty mache…. Kurz, die mir wahnsinnig ans Herz gewachsen sind!
Ich könnte unendlich so weiter schreiben!
Aber zugleich denke ich an die letzten 6 Monate zurück: wir sind jetzt 2 Mal über den ganzen riesig großen Atlantik gefahren, über 13000 Seemeilen werden wir in Kiel alle auf dem Buckel haben! Das ist schon ordentlich viel Wasser gewesen! Es gibt so viele unvergessliche kleine Momente, „kleine Freunden des Alltags“ haben wir sie an Bord getauft. Einfach Erinnerungen, die man nicht/ oder nur ganz schwer mit einem Fotoapparat einfangen kann.
Meine Top Ten:
• Den Sonnenaufgang morgens während der 5-8-Wache zu erleben, wenn sich so langsam das Schwarz verliert, die Sterne verschwinden, der Himmel sich unendlich bunt färbt und dann ganz langsam die Sonne aus dem Meer erhebt. Noch dazu wenn es vorher verdammt kalt war,…aber auch wenn es sowieso schön warm ist.
• Nur zu toppen, wenn man in diesem Moment ganz oben, auf der obersten Rah ist und ein Segel zum Setzen auspackt. Unter einem das schlafende Schiff, nur die eigene Wache an Deck, um einen rum unendliche Weite und am Horizont die aufgehende Sonne.
• In der Hängematte liegen. Egal wo. An Bord, auf einer einsamen Insel, den Wind und die Wellen hören.
• An Deck schlafen, zusammengequetscht auf der Ladelucke, zwischen Schülern und Freunden, über dir unendlich viele Sterne, kein Licht weit und breit und das sanfte Wippen, bzw das Rollen des Schiffes auf den Wellen.
• Barfuß an Deck stehen und das Wasser an den Füßen spüren.
• Mit der Wache ein Segel setzen, oder mit der ganzen Besatzung eine Halse oder Wende fahren. Spüren wie alles in einander greift, zu wissen, was hier gerade passiert und ein Teil davon zu sein.
• Ein Segel hochbeten, d.h. diejenige zu sein, die hinten steht und die Befehle gibt und den Überblick behält und merken: hey, ich kann das ja!
• In unserem Pool auf der Back (Vorschiff) bei Sonnenuntergang planschen und verbotenerweise Gummibärchen naschen und einen heißen Tag ausklingen lassen.
• Die unendlichen Geräusche im Regenwald in Panama, die Stille auf dem Teide, der Lärm von Havanna und die Geräusche des Meeres beim Tauchen oder Schnorcheln in der Karibik.
• Und ganz vorne: guten Segelwind zu haben, das Schiff liegt ruhig auf dem Wellen, fliegt übers Wasser, du siehst nichts außer der unendlichen Weite des Meeres und des Horizonts, dir ist bewusst: wir sind mitten im Nichts, wir sind ein minikleines Segelschiff. Aber das ist egal, denn du hast unendliches Vertrauen in das Schiff und in die Besatzung. Der Wind bläst dir um die Nase, du musst den Blick vom Horizont nehmen, denn du stehst am Ruder und musst deinen Kurs am Kompass kontrollieren. Du legst ein paar Speichen backbord, dann wieder steuerbord, und du merkst wie die alte Dame ganz langsam und gemächlich reagiert und ihre Nase ein die Richtung dreht, in die du sie hin dirigierst. Aber nicht immer klappt das problemlos und dann steigt die Anspannung ein ganz klein wenig. Und du beginnst mit der alten Dame zu reden: „Liebe Thor, sei doch bitte jetzt nicht zickig, ich hab dich immer gut behandelt, hatte nie Gedanken an eine andere außer an dich, komm schon!“… und dann, wenn das nicht hilft: „Hey alte Dame, hörst du mich? Komm schon, bitte“ und wenn das alles nichts hilft „Komm schon Baby, beweg dein Prachtarsch!“ Dann ist sie manchmal eingeschnappt und du schießt über den Kurs hinaus, aber egal, das wird schon wieder! Und du hast ja immer noch den Horizont, um den Blick abzuwenden.
Keine Ahnung, ob das wirklich meine Top Ten sind, aber sie sind ganz weit vorne dabei!
Nichts desto trotz muss ich ganz ehrlich gestehen, dass ich auch froh bin, dass die Reise langsam dem Ende entgegen geht, denn manchmal möchte man doch nicht jede Sekunde des Tages mit 49 anderen Personen verbringen und was noch viel bedeutender ist: ich freue mich unendlich euch alle bald wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können.
Deswegen werde ich dann mal weiter meinen Verpflichtungen nachgehen, Gutachten über meine Schüler verfassen, nachher Falmouth zusammen mit Desiree leer shoppen, heute Abend ein weiteres Anlege-Bier trinken und schauen, dass wir bald alle gesund und munter in Kiel ankommen werden.
Bis ganz bald also meine Lieben
Ein großes Ahoi von eurer Seefahrerpiratenbraut
ganz liebe Grüße aus England, genauer aus Falmouth.
Falmouth? Das könnte euch bekannt vorkommen. Nicht weil es hier irgendetwas „Besonderes“ gibt oder so (zumindest nichts, was man kennen müsste), nein vielleicht eher, weil mein erster Bericht ebenfalls von hier stammte!
Ja wir sind praktisch seit gestern Mittag zum ersten Mal „wieder zurück“! Seltsam durch die Straßen einer Kleinstadt/ eines Dorfes zu gehen und genau zu wissen, wo der Geldautomat, der Supermarkt und ganz wichtig, die beste Kneipe der Stadt zu finden sind…nicht zu vergessen: die „Shoppingmeile“!
Aber irgendwie ist es auch schön, bekannten Boden unter den Füßen zu haben! Aber was im Moment das dominierende Gefühl ist: es geht jetzt wirklich zu Ende! Man kann seit gestern mehr denn je spüren, dass Kiel nur noch einen Wimpernschlag entfernt ist! Und das fühlt sich ganz ehrlich sehr komisch an. Das katapultiert einen mittenrein in ein riesiges Gefühlschaos, aus dem man nicht mehr so leicht raus kommt. Es hat schon begonnen, dass ich mir in Situationen denke: „Das war es jetzt wahrscheinlich/ vielleicht zum letzten Mal!“ Zum Beispiel die kleinen Schweins- und Grindwale, die wir am Donnerstag gesehen haben, waren vielleicht die letzten Meeressäuger unserer Reise. Und wir hatten, wenn man so zurück blickt, wirklich häufig Delfine um den Bug, oder in der Nähe des Schiffes, auch Wale wurden hin und wieder gesichtet.
Beim Duschen stellt man fest: hei, das Duschgel reicht wohl doch bis Ende der Reise! Beim Aufräumen ist man nicht mehr so gründlich, man zieht ja eh bald aus! Es ist irgendwie auch egal, was es zum Essen gibt, bald kocht man sich eh wieder, auf was man selber Lust hat und nicht, was gerade schon fast am vergammeln ist in der Kühllast. Man wird auch nicht mehr so häufig für 50 Personen kochen müssen/ dürfen. Doch es ist viel mehr als das: es sind die letzten Tage mit den Menschen, die mit mir in den letzten 5 ½ Monaten zu jeder ungemütlichen Zeit aufgestanden und zur Wache gegangen sind, mit denen ich abends Karten gespielt oder einfach nur gequatscht hat. Die letzten Male, die ich mit meinen Schülern abends zu 10 in ein minikleines Bad gequetscht stehe und Zahnputzparty mache…. Kurz, die mir wahnsinnig ans Herz gewachsen sind!
Ich könnte unendlich so weiter schreiben!
Aber zugleich denke ich an die letzten 6 Monate zurück: wir sind jetzt 2 Mal über den ganzen riesig großen Atlantik gefahren, über 13000 Seemeilen werden wir in Kiel alle auf dem Buckel haben! Das ist schon ordentlich viel Wasser gewesen! Es gibt so viele unvergessliche kleine Momente, „kleine Freunden des Alltags“ haben wir sie an Bord getauft. Einfach Erinnerungen, die man nicht/ oder nur ganz schwer mit einem Fotoapparat einfangen kann.
Meine Top Ten:
• Den Sonnenaufgang morgens während der 5-8-Wache zu erleben, wenn sich so langsam das Schwarz verliert, die Sterne verschwinden, der Himmel sich unendlich bunt färbt und dann ganz langsam die Sonne aus dem Meer erhebt. Noch dazu wenn es vorher verdammt kalt war,…aber auch wenn es sowieso schön warm ist.
• Nur zu toppen, wenn man in diesem Moment ganz oben, auf der obersten Rah ist und ein Segel zum Setzen auspackt. Unter einem das schlafende Schiff, nur die eigene Wache an Deck, um einen rum unendliche Weite und am Horizont die aufgehende Sonne.
• In der Hängematte liegen. Egal wo. An Bord, auf einer einsamen Insel, den Wind und die Wellen hören.
• An Deck schlafen, zusammengequetscht auf der Ladelucke, zwischen Schülern und Freunden, über dir unendlich viele Sterne, kein Licht weit und breit und das sanfte Wippen, bzw das Rollen des Schiffes auf den Wellen.
• Barfuß an Deck stehen und das Wasser an den Füßen spüren.
• Mit der Wache ein Segel setzen, oder mit der ganzen Besatzung eine Halse oder Wende fahren. Spüren wie alles in einander greift, zu wissen, was hier gerade passiert und ein Teil davon zu sein.
• Ein Segel hochbeten, d.h. diejenige zu sein, die hinten steht und die Befehle gibt und den Überblick behält und merken: hey, ich kann das ja!
• In unserem Pool auf der Back (Vorschiff) bei Sonnenuntergang planschen und verbotenerweise Gummibärchen naschen und einen heißen Tag ausklingen lassen.
• Die unendlichen Geräusche im Regenwald in Panama, die Stille auf dem Teide, der Lärm von Havanna und die Geräusche des Meeres beim Tauchen oder Schnorcheln in der Karibik.
• Und ganz vorne: guten Segelwind zu haben, das Schiff liegt ruhig auf dem Wellen, fliegt übers Wasser, du siehst nichts außer der unendlichen Weite des Meeres und des Horizonts, dir ist bewusst: wir sind mitten im Nichts, wir sind ein minikleines Segelschiff. Aber das ist egal, denn du hast unendliches Vertrauen in das Schiff und in die Besatzung. Der Wind bläst dir um die Nase, du musst den Blick vom Horizont nehmen, denn du stehst am Ruder und musst deinen Kurs am Kompass kontrollieren. Du legst ein paar Speichen backbord, dann wieder steuerbord, und du merkst wie die alte Dame ganz langsam und gemächlich reagiert und ihre Nase ein die Richtung dreht, in die du sie hin dirigierst. Aber nicht immer klappt das problemlos und dann steigt die Anspannung ein ganz klein wenig. Und du beginnst mit der alten Dame zu reden: „Liebe Thor, sei doch bitte jetzt nicht zickig, ich hab dich immer gut behandelt, hatte nie Gedanken an eine andere außer an dich, komm schon!“… und dann, wenn das nicht hilft: „Hey alte Dame, hörst du mich? Komm schon, bitte“ und wenn das alles nichts hilft „Komm schon Baby, beweg dein Prachtarsch!“ Dann ist sie manchmal eingeschnappt und du schießt über den Kurs hinaus, aber egal, das wird schon wieder! Und du hast ja immer noch den Horizont, um den Blick abzuwenden.
Keine Ahnung, ob das wirklich meine Top Ten sind, aber sie sind ganz weit vorne dabei!
Nichts desto trotz muss ich ganz ehrlich gestehen, dass ich auch froh bin, dass die Reise langsam dem Ende entgegen geht, denn manchmal möchte man doch nicht jede Sekunde des Tages mit 49 anderen Personen verbringen und was noch viel bedeutender ist: ich freue mich unendlich euch alle bald wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können.
Deswegen werde ich dann mal weiter meinen Verpflichtungen nachgehen, Gutachten über meine Schüler verfassen, nachher Falmouth zusammen mit Desiree leer shoppen, heute Abend ein weiteres Anlege-Bier trinken und schauen, dass wir bald alle gesund und munter in Kiel ankommen werden.
Bis ganz bald also meine Lieben
Ein großes Ahoi von eurer Seefahrerpiratenbraut
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