Hallo Ihr Lieben,
ich bin euch noch den Bericht über die letzten (ich glaube) 500 Seemeilen und 800km Autofahrt schuldig:
Also der Reihe nach: aus England liefen wir unter Schülerführung und mit gesetzten Segeln bei ca 5 Windstärken aus. War schon seltsam zu wissen, dass der nächste Grund, den man betreten wird, zu Deutschland gehören wird. Die Stimmung an Bord war dementsprechend gedrückt, aber auch freudig erregt, dass man nun bald sehen wird, wie sich „daheim“ anfühlen wird. Ein Schüler meinte übrigens ca zu dieser Zeit: „Eigentlich ziehen wir nur von einem Zuhause in das andere Zuhause.“ Ich denke da hat er recht mit!
Nach nicht mal einem Tag schlief der Wind dann komplett ein und wir mussten den ganzen Rest der Strecke motoren. Wir Lehrer waren nach wie vor noch mit Zeugnissen und Gutachten schreiben sehr beschäftigt und so konnte ich nur hin und wieder mal die Nase raus in die Kälte stecken. Meist sah man dabei so gut wie gar nichts, was echt ein Problem war. Es war sowohl im Englischen Kanal, als auch auf der Nordsee so nebelig, dass wir kaum vom Achterdeck aus unseren Bug erkennen konnten. Was auch bedeutet hat, dass man andere Schiffe erst dann sehen konnte, wenn man schon fast mit ihnen kollidiert ist. Deswegen musste immer einer am Radar stehen und alle anderen waren „Ausguck“, wobei man besser „Aushör“ sagen sollte. Wenn wir auf dem Radar sahen, dass sich uns ein Schiff näherte gaben wir mit unserem Typhon (Nebelhorn) alle 2 Minuten für 30 Sekunden ein Signal (ja auch nachts!!!) und warteten auf Antwort. Sehr unheimlich, wenn man weiß, dass da nicht mal 300 m entfernt ein riesiger Tanker sein müsste und man sieht absolut nix! Dazu muss man noch 2 Dinge wissen: 1. Viele große Schiffe fahren vor allem nachts mit Autopiloten, d.h. unser typhonieren bekommt da evtl gar niemand mit, weil keiner am Ruder/ auf der Brücke ist! Und 2. Die Seegebiete Englischer Kanal und Nordsee zählen zu den meist befahrensden und anspruchsvollsten Seewegen weltweit!
Die Nordsee lag fast tot um uns herum, die Suppe lichtete sich nur ganz selten mal ein bisschen und nicht selten mussten wir im letzten Moment Ausweichmanöver fahren, um eine Kollision zu verhindern! So gestaltete sich dann auch unsere Ankunft auf Helgoland, wo wir einen Zwischenstopp einlegten, um nicht „zu früh“ heim zu kommen. Die halbe Mannschaft stand irgendwo an Bord und war Ausguck. Ich stand Backbord Achtern mit einer Schülerin, Blick nach Vorne raus. Detlef kam und meinte: „Jetzt müsste man dann bald die Mole von Helgoland sehen, bitte sehr konzentriert schauen und sofort melden!“
Minuten vergingen, nichts geschah, wir sahen schon Sternchen vom angestrengten Gucken: da ein dunkleres Grau unter Grau! „Detlef, ich glaub ich seh die Mole!“ und tatsächlich kaum 200m vor uns erhob sich mitten in der Nordsee eine Mauer. Dahinter: Nebel! Von Helgoland keine Spur! Aber kein Problem, Detlef kann auch ohne etwas zu Sehen die Thor heil an die Pier bringen! Mal wieder waren wir alle sehr erleichtert, dass nochmal alles gut gegangen ist.
Die fast 2 Tage auf Helgoland waren schön, auch wenn ich über die Hälfte davon mit meinem Laptop in meiner Koje verbracht hab.
Am Mittwoch folgte dann die Fahrt von Helgoland quer über die Nordsee, rein in die Elbe und bei Brunsbüttel durch die Schleuse in den Nord-Ostsee-Kanal. Davon hab ich aber nur wenig mitbekommen, weil wir Lehrer hatten die Schüler zu einem Kochduell heraus gefordert und an diesem Tag waren wir 4 dran die Besatzung nach allen Regeln der Kunst und dem bisschen, was unsere Last noch hergab, zu verwöhnen. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht mit Desiree, Daniel und Steve von morgens 6:00 Uhr bis abends 23:00 Uhr durch die Kombüse zu rocken. Ein wenig stolz darf ich verkünden, dass wir Lehrer ganz knapp gewonnen haben, aber das nur am Rande.
Donnerstag standen dann für alle an Bord – außer uns Lehrer – Schiffsarbeiten an, wir haben halt wieder an unseren Rechnern gesessen.
Freitag gings dann durch den NOK, schon komisch plötzlich wieder so viel Land zu sehen und Menschen und Autos,… Meine Eltern standen mit einem riesigen Banner an der Schleuse bei Kiel und begrüßten die Thor und mich, was sehr schön war. Freitagabend ankerten wir dann in der Kieler Bucht und genossen unseren letzten Abend und das Captain´s Diner (nein, das heißt NICHT, dass der Kapitän kocht, sondern alle anderen!) 6 Gänge und zahlreiche lustige, aber auch sehr traurige kulturelle Beiträge später schlüpfte ich ein letztes Mal todmüde in meine Koje, auch wenn ich irgendwie doch gerne lieber den Anker gehievt hätte und zurück Richtung Karibik gesegelt wäre.
Am Samstagmorgen wurde dann alles für die Ankunft vorbereitet und wir fuhren die letzten 2 Seemeilen zu unserer Anlegestelle an der Schwentine in Kiel. Dort bereiteten uns alle Familien und Freunde ein sehr schönes „Ankommen“, das erst nach vielen Stunden unter noch mehr Tränen zu Ende ging….
Und jetzt? Jetzt ist es vorbei, das Abenteuer meines Lebens…Wirklich? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass ich jetzt wieder in einem großen Bett liege, ein ganzes Zimmer für mich alleine hab, von morgens bis abends draußen die Vögel höre, die vielen Grüntöne sehe…
Der letzte Zeitungsbericht meiner Projektgruppe Öffentlichkeitsarbeit endet wie folgt und ich finde, man kann es kaum treffender sagen:
„Nach 190 Tagen auf See und in fremden Ländern werden wir das erste Mal wieder zum Bäcker gehen und Brezeln kaufen können, ein eigenes Zimmer haben, nicht mitten in der Nacht zur Nachtwache aufstehen müssen. Wie wird das dann? Wir wissen es nicht, aber eine Sache ist sicher.
Wir werden viel zu erzählen haben, über all die Dinge, die wir gesehen, erlebt haben. Zuhause auf dem Sofa können wir vom Sturm erzählen, und wie wir ihn besiegt haben. Diese Reise hat uns zu anderen Menschen gemacht, erwachsener, reifer. Wir haben viel gelernt, nicht nur im nautischen Bereich und in der Schule, sondern, abseits unserer asphaltierten Welt zu Hause, das Leben kennen gelernt. Wenn wir zurückdenken auf die vergangene Zeit müssen wir lächeln, weil alles so nah und doch so fern scheint und wir bald nur noch vom Abenteuer träumen können- dem Klassenzimmer unter Segeln.“
…
Da bleibt nicht mehr viel zu sagen. Nur eins vielleicht noch: ich freue mich euch alle wieder zu sehen. Und wer Lust, Zeit und ein Sofa hat, dem werde ich gerne erzählen!
Bis dann
Eure Piratenseeelchkuh Kerstin