Moin Ihr Lieben,
ganz liebe Grüße aus England, genauer aus Falmouth.
Falmouth? Das könnte euch bekannt vorkommen. Nicht weil es hier irgendetwas „Besonderes“ gibt oder so (zumindest nichts, was man kennen müsste), nein vielleicht eher, weil mein erster Bericht ebenfalls von hier stammte!
Ja wir sind praktisch seit gestern Mittag zum ersten Mal „wieder zurück“! Seltsam durch die Straßen einer Kleinstadt/ eines Dorfes zu gehen und genau zu wissen, wo der Geldautomat, der Supermarkt und ganz wichtig, die beste Kneipe der Stadt zu finden sind…nicht zu vergessen: die „Shoppingmeile“!
Aber irgendwie ist es auch schön, bekannten Boden unter den Füßen zu haben! Aber was im Moment das dominierende Gefühl ist: es geht jetzt wirklich zu Ende! Man kann seit gestern mehr denn je spüren, dass Kiel nur noch einen Wimpernschlag entfernt ist! Und das fühlt sich ganz ehrlich sehr komisch an. Das katapultiert einen mittenrein in ein riesiges Gefühlschaos, aus dem man nicht mehr so leicht raus kommt. Es hat schon begonnen, dass ich mir in Situationen denke: „Das war es jetzt wahrscheinlich/ vielleicht zum letzten Mal!“ Zum Beispiel die kleinen Schweins- und Grindwale, die wir am Donnerstag gesehen haben, waren vielleicht die letzten Meeressäuger unserer Reise. Und wir hatten, wenn man so zurück blickt, wirklich häufig Delfine um den Bug, oder in der Nähe des Schiffes, auch Wale wurden hin und wieder gesichtet.
Beim Duschen stellt man fest: hei, das Duschgel reicht wohl doch bis Ende der Reise! Beim Aufräumen ist man nicht mehr so gründlich, man zieht ja eh bald aus! Es ist irgendwie auch egal, was es zum Essen gibt, bald kocht man sich eh wieder, auf was man selber Lust hat und nicht, was gerade schon fast am vergammeln ist in der Kühllast. Man wird auch nicht mehr so häufig für 50 Personen kochen müssen/ dürfen. Doch es ist viel mehr als das: es sind die letzten Tage mit den Menschen, die mit mir in den letzten 5 ½ Monaten zu jeder ungemütlichen Zeit aufgestanden und zur Wache gegangen sind, mit denen ich abends Karten gespielt oder einfach nur gequatscht hat. Die letzten Male, die ich mit meinen Schülern abends zu 10 in ein minikleines Bad gequetscht stehe und Zahnputzparty mache…. Kurz, die mir wahnsinnig ans Herz gewachsen sind!
Ich könnte unendlich so weiter schreiben!
Aber zugleich denke ich an die letzten 6 Monate zurück: wir sind jetzt 2 Mal über den ganzen riesig großen Atlantik gefahren, über 13000 Seemeilen werden wir in Kiel alle auf dem Buckel haben! Das ist schon ordentlich viel Wasser gewesen! Es gibt so viele unvergessliche kleine Momente, „kleine Freunden des Alltags“ haben wir sie an Bord getauft. Einfach Erinnerungen, die man nicht/ oder nur ganz schwer mit einem Fotoapparat einfangen kann.
Meine Top Ten:
• Den Sonnenaufgang morgens während der 5-8-Wache zu erleben, wenn sich so langsam das Schwarz verliert, die Sterne verschwinden, der Himmel sich unendlich bunt färbt und dann ganz langsam die Sonne aus dem Meer erhebt. Noch dazu wenn es vorher verdammt kalt war,…aber auch wenn es sowieso schön warm ist.
• Nur zu toppen, wenn man in diesem Moment ganz oben, auf der obersten Rah ist und ein Segel zum Setzen auspackt. Unter einem das schlafende Schiff, nur die eigene Wache an Deck, um einen rum unendliche Weite und am Horizont die aufgehende Sonne.
• In der Hängematte liegen. Egal wo. An Bord, auf einer einsamen Insel, den Wind und die Wellen hören.
• An Deck schlafen, zusammengequetscht auf der Ladelucke, zwischen Schülern und Freunden, über dir unendlich viele Sterne, kein Licht weit und breit und das sanfte Wippen, bzw das Rollen des Schiffes auf den Wellen.
• Barfuß an Deck stehen und das Wasser an den Füßen spüren.
• Mit der Wache ein Segel setzen, oder mit der ganzen Besatzung eine Halse oder Wende fahren. Spüren wie alles in einander greift, zu wissen, was hier gerade passiert und ein Teil davon zu sein.
• Ein Segel hochbeten, d.h. diejenige zu sein, die hinten steht und die Befehle gibt und den Überblick behält und merken: hey, ich kann das ja!
• In unserem Pool auf der Back (Vorschiff) bei Sonnenuntergang planschen und verbotenerweise Gummibärchen naschen und einen heißen Tag ausklingen lassen.
• Die unendlichen Geräusche im Regenwald in Panama, die Stille auf dem Teide, der Lärm von Havanna und die Geräusche des Meeres beim Tauchen oder Schnorcheln in der Karibik.
• Und ganz vorne: guten Segelwind zu haben, das Schiff liegt ruhig auf dem Wellen, fliegt übers Wasser, du siehst nichts außer der unendlichen Weite des Meeres und des Horizonts, dir ist bewusst: wir sind mitten im Nichts, wir sind ein minikleines Segelschiff. Aber das ist egal, denn du hast unendliches Vertrauen in das Schiff und in die Besatzung. Der Wind bläst dir um die Nase, du musst den Blick vom Horizont nehmen, denn du stehst am Ruder und musst deinen Kurs am Kompass kontrollieren. Du legst ein paar Speichen backbord, dann wieder steuerbord, und du merkst wie die alte Dame ganz langsam und gemächlich reagiert und ihre Nase ein die Richtung dreht, in die du sie hin dirigierst. Aber nicht immer klappt das problemlos und dann steigt die Anspannung ein ganz klein wenig. Und du beginnst mit der alten Dame zu reden: „Liebe Thor, sei doch bitte jetzt nicht zickig, ich hab dich immer gut behandelt, hatte nie Gedanken an eine andere außer an dich, komm schon!“… und dann, wenn das nicht hilft: „Hey alte Dame, hörst du mich? Komm schon, bitte“ und wenn das alles nichts hilft „Komm schon Baby, beweg dein Prachtarsch!“ Dann ist sie manchmal eingeschnappt und du schießt über den Kurs hinaus, aber egal, das wird schon wieder! Und du hast ja immer noch den Horizont, um den Blick abzuwenden.
Keine Ahnung, ob das wirklich meine Top Ten sind, aber sie sind ganz weit vorne dabei!
Nichts desto trotz muss ich ganz ehrlich gestehen, dass ich auch froh bin, dass die Reise langsam dem Ende entgegen geht, denn manchmal möchte man doch nicht jede Sekunde des Tages mit 49 anderen Personen verbringen und was noch viel bedeutender ist: ich freue mich unendlich euch alle bald wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können.
Deswegen werde ich dann mal weiter meinen Verpflichtungen nachgehen, Gutachten über meine Schüler verfassen, nachher Falmouth zusammen mit Desiree leer shoppen, heute Abend ein weiteres Anlege-Bier trinken und schauen, dass wir bald alle gesund und munter in Kiel ankommen werden.
Bis ganz bald also meine Lieben
Ein großes Ahoi von eurer Seefahrerpiratenbraut